Reise blog von Travellerspoint

Australien - Great Ocean Road und Grampians

Da ich mir auch auf meiner Reise nicht wirklich angewöhnt habe, morgens "unnötig früh" aufzustehen, wird es zu knapp. Der Zug nach Melbourne fährt ohne mich. War tatsächlich das allererste Verkehrsmittel, das ich auf der ganzen Reise verpasst habe. Eines zuviel, aber was soll's, weg ist weg. Das Ticket lässt sich glücklicherweise umschreiben, und man reserviert mir einen Platz für den Nachtzug. Praktisch auch, dass man hier das Gepäck wie für einen Flug einchecken kann, so dass ich meine grosse Rückenlast am Gepäckschalter abgeben kann. Die Verspätung hat schliesslich den Nebeneffekt, dass ich wieder einmal einen Abstecher zu einem Coiffeur mache.

Im kleinen Geschäft werde ich von einem Ukrainer bedient. Der Typ macht nicht gerade den Eindruck, als hätte er diesen Job von der Pieke auf gelernt und mäht mit dem Kurzhaarschneider sorglos kreuz und quer auf meinem Schädel herum. Das anfänglich muntere Gespräch mit ihm versuche ich bald auf Sparflamme zu halten, um seine Konzentration nicht unnötig abzulenken. Nichtsdestotrotz stutzt er mein eh karges Haupthaar weiterhin auf unzimperliche Art. "Viel besser als vorher", meint er zum Schluss zufrieden, und ich bin einfach froh, die Behandlung ohne Schaden überstanden zu haben.

Bis anhin habe ich mich meine Fahrten in Australien bis auf den Flughafentransfer ausnahmslos auf Schienen zurückgelegt. Nominell wenigstens. Ich bin dabei nämlich erstaunlich oft Bus gefahren, sei es mit Ersatzbussen für die Metro in Sydney oder auf der Zugfahrt zurück von den Blue Mountains. Die Zugfahrt nach Melbourne macht hier keine Ausnahme, und mitten in der Nacht müssen wir auf den Bus umsteigen. Was soll's, ich komme auch so in der zweitwichtigsten Metropole des Landes an, und auch wenn ich es verpenne, mich beim Umsteigen um mein eingechecktes Gepäck zu kümmern, steht dieses dann bei der Ankunft irgendwo neben den Ersatzbussen und wartet auf seinen Träger.

Eine der einschneidensten Erkenntnisse meiner Australien-Besuchs ist, dass hier die Distanzen riesig sind. Meine einfach konzipierten Routenpläne scheitern immer wieder, wenn ich feststelle, welche enormen Distanzen zurückzulegen sind. Irgendwo zwischen der Ankunft in Sydney und der Rückkehr aus den Blue Mountains finde ich, dass sich Australien einfach noch zu wenig anders an als Neuseeland. Ich muss ins Outback, um meinem Australienbesuch einen unverwechselbaren Stempel aufzudrücken. Also nichts wie hin nach Alice Springs in der Mitte des Kontinents und von da dann zum Uluru (Ayers Rock), der da auf der Karte grad nebendran liegt. Bis ich dann realisiere, dass es von Alice Springs noch immer satte 500 Kilometer bis zum Uluru sind.

In Melbourne probiere ich vorallem, mein Reisepuzzle richtig zusammen zu setzen, verwerfe meine Pläne mehrmals, wechsle zwischendurch noch das Hotel, um dann weiter zu knobeln. Schliesslich finde ich die Lösung: zwei Touren bei 'Groovy Grapes Getaways', einem Tourveranstalter quasi für Backpacker, mit denen ich in netto 10 Tagen bis ins Zentrum von Australien komme. Preislich scheint das eher günstiger als individuelle Reiserei.

Dass ich am nächsten Morgen wieder mal einigermassen früh aus den Federn muss, da ich am anderen Ende der City abgeholt werden soll, ist nicht weiter schlimm. Als wir alle Gäste aufgelesen haben, stellt sich heraus, dass man hier nicht nur verbreitet Deutsch, sondern auch Schweizerdeutsch spricht. Aber da sich auch noch ein Engländer, eine Irin und eine Holländerin unter den Teilnehmern befinden, kommunizieren wir mehrheitlich in Englisch.

Nach einem Stopp in einer Hochburg der Neoprenanzüge (nur von wirklichem Nutzen, da man sich hier das verpasste Frühstück reinziehen kann) und etwas Dösen befinden wir uns am Anfang der berühmten 'Great Ocean Road'. Diese wurde im frühen zwanzigsten Jahrhundert von der australischen Regierung in Auftrag gegeben, um etwas Vergleichbares zum 'Highway Number One' an der Westküste der USA vorzeigen zu können, und auch um etlichen Kriegsrückkehrern des ersten Weltkriegs einen Job bieten zu können. Heute gilt sie als eine der grossen Autorouten der Welt.

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Unsere Gruppe am Portal der 'Great Ocean Road'
stehend: Gudrun (DE), Caroline (NL), Olaf (DE), Jörg (CH), Debbie (IRL), Kevin (UK), Angelika (CH), Roman (CH)
kniend: Anne (DE), Aline (DE), Uschi (DE), Anna (DE), Maren (DE), Thomas (DE)

Die Fahrt bietet dann, was sie verspricht: wunderbare Blicke auf felsige Küsten, goldgelbe Strände und grünblaues Meer. Ab und zu bekommen wir Auslauf am Strand, und wenn Simon, unser Guide, nicht gerade Einkäufe tätigen muss, dauert es nicht lange, bis er sich in die Fluten stürzt. Meist als Einziger, das Nass ist doch eher kühl.

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An der Great Ocean Road

Gegen Abend erreichen wir die berühmten 'Twelve Apostels'. Diese markant aus den Wellen emporragenden Felsen bestehen aus einem sehr weichen Sandstein, der von den Wellen tagein tagaus angeknabbert wird. Ursprünglich hiessen sie so in etwa "die Sau und die 18 Ferkel". Um sie touristisch besser portieren zu können, suchte man nach einem etwas gewichtiger klingenden Namen. Schliesslich wurde man in der Bibel fündig. Bevor man das Ganze aber so richtig promotet hatte, waren es schon nur noch 9 Apostel, und mittlerweile ist ein weiterer der unermüdlichen See zum Opfer gefallen. 8 kleine Apostel, die standen in Reih und Glied... Wer sich diese Szenerie zu Gemüte führen will, sollte sich beeilen.

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'Zwölf Apostel" bei Normallicht

Nachdem wir das Ganze begutachtet haben, machen wir uns auf zu unserer Unterkunft. Simon grillt bergeweise Würste und Hühnerfleischspiesschen. Kaum beginnen wir uns die Bäuche voll zu schlagen, bläst er wieder zum Aufbruch. Der Sonnenuntergang verspricht photogen zu werden, und so kehren wir zurück zu den Sandsteinmännchen, was auch mit schnell gefüllten Magen niemand so richtig bereuen wird.

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'Zwölf Apostel' mit abendlichem Weichzeichner

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Sonnenuntergang an der 'Great Ocean Road'

Am nächsten Tag geht es weiter mit Felsen, Sand und Meer. Das Mittagessen nehmen wir in einem Krater in der Nähe der Küste ein, wo es in den Bäumen Koalas und im Gras Emus gibt. Dann geht es ins Landesinnere. Als wir am späten Nachmittag in Halls Gap in den 'Grampians' ankommen, wollen wir eigentlich eine Wanderung in Angriff nehmen, aber nicht nur sind wir zu spät dran (ooooh, unser Guide Simon musste sich schon die ganze Tour darüber ärgern, dass immer jemand anders zu spät erschien, eieiei), auch naht ein Gewitter. Wir trösten uns mit dem Besuch eines Cafés (ratet mal, was ich da bestellt habe...). Simon - abgesehen vom Thema Verspätungen eine Frohnatur - kündigt an, dass wir um 5 Uhr aufstehen werden, um die Wanderung am Morgen zu machen. Kein Aufstand, wir essen gemütlich und nachher gönnt man sich noch ein Bier oder so (bei unserer irischen Delegation hat "oder so" eine ziemlich ausgedehnte Bedeutung), und am nächsten Tag wird klaglos aufgestanden.

Die Wanderung führt durch abenteuerliche Karstformationen, den australischen 'Grand Canyon' (schön, aber wesentlich kleiner als der in den USA) und weiter auf eine Krete mit spektakulärem Aussichtspunkt ins Umland. Pech auch, dasss ich nicht jodeln kann. Und den Text von "Lueget vo Bärge n is Tal" kann ich leider auch nur so weit, wie der Titel reicht Titel. Falls mal jemand Lust hat, mir den zu schicken, dann werde ich das Lied vielleicht noch mal in der Ferne von einem Berg schmettern.

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Aussichten bei Halls Gap in den Grampians

Auch wieder mal ein netter Wasserfall gehört hier zum Pflichtprogramm.

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McKenzie Falls in den Grampians

Dann machen wir Bekanntschaft mit den Weiten Australiens. Von Adelaide trennen uns noch 300 Kilometer, und diese müsse nun noch abgefahren werden. Nach den topografisch ansprechenden 'Grampians' ist es nun im wesentlichen flach - Zeit für ein ausgedehntes Nickerchen. Und dann treffen wir in Adelaide ein. Nach und nach werden die Tourteilnehmer verabschiedet und ausgeladen, bis zum Schluss auch noch ich drankomme. Adelaide gilt jetzt nicht gerade als die touristische Hochburg, aber derzeit herrscht hier der Ausnahmezustand. Neuseeland spielt Cricket gegen England. Die Begeisterung für dieses Spiel ist für die meisten Nationen nicht nachzuvollziehen. Es gibt Fernsehübertragungen davon, bei welchen man vom Einnicken immer wieder erwacht, wenn Werbung geschaltet wird. Die traditionellen "Testmatches", ein Duell zweier Länderteams, erstrecken sich über 5 Tage. Und zwischen Australien und England findet derzeit eine Serie von 5 dieser Testmatches statt, die in verschiedenen Städten Australiens ausgetragen werden. Tja, und eben jetzt in Adelaide. Alle Hostels sind voll, vornehmlich von englischen Fans belegt, und wenn, dann gibt es nur Plätze in grossen Dorms in deutlich zweitklassigen Schuppen. Eine Schweizerin an der Rezeption eines wahrscheinlich guten 'Backpackers' meint, ich wäre wirklich in einer verzweifelten Lage. Aber auch ich finde zum Schluss ein Plätzchen, zwar nur für eine Nacht, aber das kenne ich ja schon von Melbourne.

Eingestellt von greoj 17:26 Archiviert in Australien Tagged great_ocean_road twelve_apostels

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